Wir bitten den Geist von Gaia, bei uns zu sein. Wir beten, dass der Atem des Lebens weiterhin unseren Heimat-Planeten streichelt.
Mögen wir in wahres Verstehen hineinwachsen – ein tiefes Verständnis, welches uns begeistert, den Baum zu schützen, auf dem wir blühen, und das Wasser, die Erde, die Luft, ohne die wir nicht leben können.
Mögen wir uns nach innen wenden und dabei stolpern über unsere wahren Wurzeln in der beziehungsreichen Biologie dieses vortrefflichen Planeten. Mögen Nahrung und Kraft durch diese Wurzeln fließen und die wilde Entschlossenheit, den Milliarden Jahre alten Tanz weiter zu tanzen.
Möge Liebe hervorquellen und aus unseren Herzen entspringen.
Möge sich erneut reines und kraftvolles Bewusstsein auf der Erde ausbreiten und uns ermöglichen, die Heilung der zerrissenen Biosphäre mitzuerleben und in ihr mitzuwirken.
Wir bitten den Geist von Gaia, bei uns zu sein. Uns all das zu enthüllen, was wir zu unserem eigenen Besten und zum Besten aller sehen müssen.
Wir rufen den Geist der Evolution, die wunderbare Macht, die Steine und Staub dazu inspiriert, sich zu Leben zu verweben. Jahrmillionen und Jahrmilliarden hast du uns beigestanden – lass uns jetzt nicht allein. Gib uns Kraft, und erwecke in uns reine und strahlende Schöpferkraft. Du kannst Schuppen in Federn verwandeln, Meerwasser in Blut, Raupen in Schmetterlinge, verwandle auch unsere Spezies. Erwecke in uns die Kräfte, die wir brauchen, um die gegenwärtige Krise zu überleben und uns weiterzuentwickeln für die zukünftigen Äonen unserer solaren Reise.
Erwecke in uns ein Gespür dafür, wer wir wirklich sind: winzige, flüchtige Blüten auf dem Baum des Lebens. Mach die Absicht und das Schicksal dieses Baumes zu unserer eigenen Absicht und unserem eigenen Schicksal.
Fülle eine jede und einen jeden von uns mit Liebe für unser wahres Selbst, das all die Geschöpfe und Pflanzen und Landschaften der Welt einschließt. Erfülle uns mit einem mächtigen Drang nach dem Wohlergehen und der fortwährenden Entfaltung dieses Selbst.
Mögen wir bei allen Zusammenkünften der Menschen im Namen der Tiere und Pflanzen und Landschaften der Erde sprechen.
Mögen wir aus reiner innerer Leidenschaft leuchten und möge sie sich rasch verbreiten in diesen bleiernen Zeiten.
Mögen wir alle aufwachen und unser wahres und einziges Wesen erkennen, das nichts anderes ist, als das Wesen von Gaia, diesem lebendigen Planeten Erde.
Wir rufen die Macht herbei, die die Planeten in ihren Umlaufbahnen hält, die unsere Milchstraße in ihrer Zweihundert-Millionen-Jahre-Spirale dreht, dass sie unsere Persönlichkeiten und unsere Beziehungen anfüllen möge mit Harmonie, Ausdauer und Freude. Erfülle uns mit dem Gefühl für die unermessliche Zeit. Lass unser kurzes, flackerndes Leben tatsächlich die Arbeit enormer vergangener Zeitalter und die Millionen Jahre von Evolution spiegeln, deren Potenzial in unseren zitternen Händen liegt.
Oh Sterne, verleiht uns eure brennende Leidenschaft.
Oh Stille, gib unserer Stimme Gewicht.
Wir bitten den Geist von Gaia, bei uns zu sein.
(aus: „Fünf Geschichten, die die Welt verändern“ von Joanna Macy & Norbert Gabhler. 2008, S. 61 f.)